Flugstuhl

Ich bin wieder mit meinem Flugstuhl unterwegs, gleite sanft über den flauschigen Teppich, beschleunige über dem Parkettboden etwas, fliege dann in einer engen Kurve um den Esstisch, beschleunige weiter und bewege mich direkt auf die Wand zu. Ein Blick in den imaginären Rückspiegel bestätigt mir, dass ich noch immer von drei grimmig dreinblickenden, auf einem grün-weißen Flugsofa sitzenden Männern verfolgt werde. Offenbar entstammen die drei dem Blaulichtmilieu.

Schon seit Stunden sind sie hinter mir her. Meine bisherigen Versuche, sie abzuschütteln waren erfolglos. Diesmal aber wird es klappen. Mit zunehmenden Tempo - die zulässige Höchstgeschwindigkeit für Flugstühle weit überschreitend - rase ich auf die Wand zu. Kurz vor dem Aufprall ziehe ich meinen Flugstuhl scharf nach oben und gleite dicht an der Wand entlang aufwärts.

Einen Augenblick später vernehme ich ein lautes Krachen, Klirren und Splittern. Ein leichtes Lächeln umspielt meine Lippen. Ich blicke zurück und erfreue mich an dem sich mir bietenden Anblick, an dem zerschellten Flugsofa meiner Verfolger, an den feinen, aus einigen Trümmern aufsteigenden Rauchfäden, und nicht zuletzt auch an den drei blutig-roten Flecken an der weißen Wand. Zufrieden richte ich meinen Blick wieder nach vorne, als plötzlich und unerwartet ein Wandkönig in meiner Flugbahn steht.

Ich schaffe es gerade noch, nach oben auszuweichen, und gleite haarscharf am Haupt des Wandkönigs vorbei. Der Wandkönig ist daraufhin sehr erzürnt, und ruft mir wild gestikulierend laute Worte hinterher. Etwas wie: "Beschwerde beim Flugstuhlamt" vernehme ich, und noch mehr, aber das habe ich vergessen, oder ich kann mich nicht daran erinnern, ich weiß nicht.

Nachdem ich den erbosten Wandkönig hinter mir gelassen habe, erreiche ich bald die weite weiße Ebene der Decke, in deren Mitte die lichtspendende Lampe emporragt. Als ich mich der Lampe nähere bemerke ich ein in Tonhöhe und Lautstärke leicht varierendes Brummen Es stammt von einem insektenflügeligen Greif, der die Lampe in leichten Auf- und Abbewegungen umkreist. Eine zeitlang folge ich dem Tier auf seiner kreisförmigen Bahn, erfreue mich an seinen anmutigen Bewegungen und an den, im Licht der Lampe, bunt schillernden Flügeln des Greifs. Schließlich kommt dieser der heißen Glühlampe zu nahe. Seine filigranen Flügel verdampfen und der Greif stürzt, eine Spur dunklen Rauchs hinterlassend, zu Boden.

Nun ist es auch für mich Zeit, zu landen. Die Landung ist - das dürfte bekannt sein - das Gefährlichste an Unternehmungen wie diesen. Im steilen Sinkflug geht es zunächst nach unten. Bald schon kann ich die Maserung des mir schnell entgegenkommenden Parkettbodens erkennen. Meine Geschwindigkeit ist etwas zu hoch. Ich versuche abzubremsen, aber da setzen die hinteren Flugstuhlfüße schon auf dem Boden auf. Ein kurzer pfeifender Ton entsteht, kleine Rauchwölkchen steigen auf, der Flugstuhl neigt sich, mit einem quietschenden Geräusch über den Boden gleitend, nach vorne, bis auch die vorderen Füße auf dem Boden aufsetzen. Erneut entsteht ein kurzer pfeifender Ton, der dann wieder dem quietschenden Geräusch weicht, das wiederum immer leiser wird und schließlich ganz erstirbt, als der Flugstuhl zum Stillstand gekommen ist.

© r. appel