Sonderverzweiflung

Eines Morgens konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte über Nacht eine Sonderverzweiflung bekommen. Während ich mich schlaflos hin und her wälzte, war sie in mich gekrochen. Irgendwann, als der Morgen bereits zum Abend wurde, konnte ich auf der Wand zur Zimmerdecke hochkriechen.

Die Zimmerdecke bestand nur aus dünnem Butterbrotpapier. Ich sprang hindurch und landete in einem langen, dunklen Tunnel, in dem zwei dicke, seltsam geformte Metallstäbe lagen. An einem Ende des Tunnels befand sich ein Tempel aus schwarzem Marmor, am anderen Ende ein U-Bahnhof. Zuerst ging ich zum Tempel. Vor dem Tempel saßen drei Frauen mit bleichen Gesichtern und blutroten Lippen. Die erste hatte die Augen offen, hielt sich aber die Ohren zu. Die zweite hatte die Ohren offen, hielt sich aber die Augen zu. Die dritte jedoch hatte die Beine offen und lief davon als sie mich kommen sah. Nun konnte mich niemand mehr sehen oder hören. Das machte mich sehr traurig. Ich fasste einen Entschluß und ging zum U-Bahnhof.

Da die U-Bahn Verspätung hatte, überlegte ich es mir anders und stieg ein. Im Inneren des Waggons befanden sich statt Sitzbänken weiße, schüsselartige Gebilde, die am Boden befestigt waren und von denen jeweils ein Rohr wegführte. Als ich mich auf eines dieser Gebilde setzte, fiel ich hinein. Wassermassen schlugen über meinem Kopf zusammen und ich wurde in die Tiefe gerissen. Das mich umgebende Wasser war bräunlich-trüb. Aufgeweichte Papierfetzen trieben an mir vorbei. Ich konnte die Luft nicht länger anhalten. Das braune Wasser füllte schmerzhaft meine Lungen. Jeder Atemzug war eine Qual, aber ich konnte das Wasser atmen. Langsam wurde das Wasser immer trüber und begann sich zu einer undurchdringlichen, zähflüssigen Masse zu verdicken. Jede Bewegung in dieser Masse war unendlich anstregend. Mit jedem Atemzug wurde der Schmerz in meinen Lungen unerträglicher.

Da fiel mir ein, daß ich den Witz des Lebens suchen wollte. Ich schwamm nach oben und tauchte in einem Gebirgssee mit kristallklarem, reinen Wasser auf. Nachdem ich ans Ufer geschwommen war, zog ich meine Kleider aus und legte zuerst sie und danach auch mich zum Trocknen in die Sonne. Die Sonne schien jetzt auch wieder für mich. Ich konnte ihre wärmenden Strahlen auf meiner Haut spüren. Da hatte ich nochmal Glück gehabt.

© r. appel