Mit einem Streichholzmodell der neapolitanischen Altstadt nach Polen, warum Augustin?
Unweit der Grenze in einem verspielten Fachwerkhaus mit englischem Rasen, Grillplatz und separater Tongrube lebte einmal eine Familie Augustin, so hieß allerdings nur der jüngste Sohn. Die Anderen hatten sich originelle Künstlernamen wie „der einbeinige Ecktischrasierer“, „die Frau, die sich mit den Füßen am Hinterkopf kratzen kann“ und „Brahmavadghitaputraramkowski“ zugelegt oder waren noch rechtzeitig gestorben.
Augustin war gerade zwölf Jahre alt und baute in seiner Freizeit im Keller unter der Stube alte friesische Prunkgaleeren aus Küchen- und Gartenabfällen nach. Da klopfte es an der Tür. „Oberstadtbauratsoberaufsichtsamtober. Ihre Lehmgrube ist äußerst unzureichend gesichert. Ich darf Sie bitten, mir zu folgen oder für immer zu schweigen.“ Gesagt, getan.
Als er die dritte Galeere – den legendären „Klootsmieter“, jenes Schiff, mit dem Fiete der dritte als erster Friese Spiekeroog umsegelt hatte – zu Ende gebaut hatte, bot sich ihm ein Bild des Grauens: Jemand hatte den Spiegelschrank an die Westwand verschoben, die schmutzigen Teller gespült und zur Dekoration auf der Kommode arrangiert. Er hatte auch angefangen, die Hüte auf der Hutablage alphabetisch zu sortieren, war aber nur bis M gekommen.
Hatte ihn etwa jemand ertappt, oder war ihm gar die Sonderkommission zuvorgekommen? Die ist allgegenwärtiger als man denkt, dachte Augustin und ging erst mal nachsehen.
Er war noch nicht weit gekommen, da schoss es ihm durch den Kopf: Fiete der Dritte! Sollte das ein versteckter Hinweis sein?
Er beschloss, sich sofort auf den Weg nach Spiekeroog zu machen, knackte sein Sparschwein und mietete eine Galeere, die jedoch vom Kurs abkam und in den Fluten der Nordsee versank. Augustin hatte in der Schule aufgepasst, wartete bis zur nächsten Ebbe und ging dann zu Fuß weiter.
Rechtzeitig hatte er Spiekeroog erreicht und konnte sich sogar noch ein Zimmer in der Pension „de ohle Hundskötter“ leisten. Als er eines regnerischen Nachmittags durch den verregneten Schlosspark flanierte, kam ihm eine Idee.
Fiete der Dritte war um diese Zeit wie immer schon längst tot, doch die Geister der Ahnen, so sagt man, haben lange Beine und manchmal auch große Hüte. Also beschloss er, seine Untersuchungen bis auf Weiteres zurückzustellen und sich nun ganz dem Modellbau zu widmen. Eine Vorlage war schnell gefunden und Augustin machte sich daran, die historische Altstadt von Neapel aus Zündhölzern nachzubauen. Das örtliche Heimatkundemuseum hatte dafür kein Verständnis und entsandte einen Delegierten, der versuchen sollte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Dummerweise konnte Augustin kein Italienisch und nach zwei Jahren war das Werk vollendet. Augustin begann, Hühner zu züchten und wurde sehr reich. Er wanderte nach Polen aus und gründete eine Hotelkette, die er „Niski Francuski“ taufte. Das erntete bei der Bevölkerung großen Zuspruch. Er ging trotzdem pleite. Als er eines Morgens vor dem Kattowitzer Wirtschaftsarchiv aufwachte, wusste er: Er hatte sich übernommen. Im Bogenschießen lag die Zukunft. Er schrieb sich an einer privaten Bowling-Akademie ein und wurde innerhalb von fünf Wochen Weltmeister, und das als Ausländer.
Augustin hatte es geschafft. Er kaufte von dem Preisgeld seine Familie frei, zog sich mit seinen Hühnern auf’s Land zurück und weihte sein Leben fortan abermals ganz dem Modellbau. Mit 27 lernte er die Frau seines Lebens kennen, die so schön war, wie sie Konsonanten im Nachnamen hatte. Sie bakamen einen achtjährigen Sohn, den sie Horst-Hartmann und eine Zwillingstochter Krzysztyna-Jesuetta, einen Kräutergarten, einen Polski-Fiat mit Schiebedach und waren rundum zufrieden.
Nur manchmal, wenn er dem Rauschen des Windes lauscht, meint Augustin, eine heisere Stimme zu hören: „Kumm doch mol wedder nach Spiekeroog...“.
Aber nach einer halben Flasche Köhm legt sich das meistens wieder.
| © Sebastian Kleist (seb@inlet.de) |