Russisch Brot

oder Das Buch vom Leben

 

 

 

 

 

2001 von Sebastian Kleist

 

 

 

 

Kapitel römisch eins

 

 

Ich heiße Michael. Meine Freunde nennen mich Michi. Meine Freundin ist zwei Jahre jünger als ich. In der Disco sagen alle immer: „Na?“. Wir trinken dann Whisky-Cola. Die Musik ist scheiße. Andi ist besoffen. Hertha hat verloren. Später nach Hause. Ich wohne allein. In einer Reihenhaussiedlung. Der Hausmeister kommt morgen zum Kaffe vorbei. Der hört immer Freddy Quinn.

Meine Oma humpelt. Mein Vater ist in Pension. Er hat zwei Wellensittiche. Beide heißen „Butschi“. Der eine ist rot. Meine Mutter kommt aus Hannover. Da kann man gut einkaufen.

 

 

Kapitel römisch zwei

 

 

Ich fahr ja Kadett. Beige. Aus Überzeugung. Mit Fließheck. Meine Freundin darf den auch mal fahren. Ich kenne sie noch von der Realschule.

Jetzt bin ich Bürokaufmann.

 

 

Kapitel römisch drei

 

 

Auf der Arbeit immer das Selbe. Und erst der Chef. Unser Archiv ist im anderen Stockwerk. In der Kaffeepause unterhalten wir uns über das Wetter. Gerd war eine Woche krank. Er hatte die Grippe. Er hat jetzt eine neue Couch. Aber das hat nichts mit der Grippe zu tun.

Ursula hat mit dem Rauchen aufgehört.

Mit meinem Gehalt bin ich zufrieden.

 

 

Kapitel römisch vier

 

 

Auf dem Schützenfest ne Wurst gegessen. War ganz nett. Zwei Bier mit den Kollegen getrunken. Sonntag ausgepennt. Dann fern gesehen. Später noch Chips gegessen. Danach wieder am Montag zur Arbeit.

Vor zwei Monaten Urlaub gehabt. Waren an der See. Tretboot gefahren.

 

 

Kapitel römisch fünf

 

 

Dienstag Schuhe gekauft. Und einen modernen grauen Schal. Meine Freundin macht jetzt Diät. Wir gehen auch oft weg. Manchmal zu Bekannten. Oder zum Verein.

Unser Kassenwart hat Ausschlag. Er geht trotzdem am Wochenende Tennis spielen.

Unseren Kindern soll’s besser gehen. Mein Onkel war bei der Feuerwehr. Er hatte es nicht leicht.

 

 

Kapitel römisch sechs

 

 

Als ich Kind war, waren wir immer in Jugoslawien im Urlaub. Da war es warm. Danach habe ich Tischtennis gespielt. Im Verein. Auf einem Turnier wurde ich zweiter. Dann kam ein Neuer in den Verein. Der hatte Pickel. Dann kamen wir in die Tanzschule. Einige Mädchen waren aus meiner Klasse.

 

 

Kapitel römisch sieben

 

 

In der neunten Klasse dann die Klassenreise in den Harz. Vögel beobachten. Ich hab fünf gesehen, Andi nur drei.

Mathe mochte ich nie gerne. Später Berufsschule. Zwei kannte ich noch von früher.

Mein Cousin ist Spediteur. Der hat es zu was gebracht. Er gfährt öfters ins Grüne. Sein Auto ist metallic. Das Benzin wird ja auch immer teurer.

In Rheinland-Pfalz hat der Wahlkampf schon begonnen. Es gibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Meine Mutter hat früher immer SPD gewählt. Das ist ja in Hannover so üblich. An ihrem Geburtstag geht sie in ein Musical. Ihre Schwester hat ein Einfamilienhaus in einer ruhigen Gegend. Manchmal gibt es Fisch.

 

 

Kapiel römisch acht

 

 

Im Kaufhaus jemand aus dem Verein getroffen. Grüße an die Familie ausrichten lassen. Freitag chinesisch Essen gewesen. Andi hatte Geburtstag. Wir haben ihm eine Tischdecke geschenkt.

Andi hat früher Münzen gesammelt. Jetzt hört er viel Musik. Er hat gute CDs. Zum Beispiel zwei CDs von Mariah Carey. Er war früher oft beim Fußball. Er hat noch den Schal. Im Verein bringt er gute Vorschläge. Die meisten haben Respekt vor ihm. Sein Vater hatte eine schwere Kindheit. Er war Einzelkind. Seine Eltern haben es nicht anders gewollt.

Bei uns ist jetzt ein Ausländer eingezogen. Der hat so einen komischen Namen. Andis Onkel lebt auch im Ausland. Meine Freundin will immer mit mir nach Spanien. Sie macht gerade ihre Ausbildung.

 

 

Kapitel römisch neun

 

 

Letzte Nacht hat es ganz schön geregnet.

Die Müllabfuhr ist bei uns meistens pünktlich. Nur seit letzten Monat haben wir einen neuen Postboten. Ich glaube, der kommt nicht von hier.

Im Auto höre ich manchmal Radio. Da läuft meistens ganz gute Musik. Auch mal was flotteres. Was man so kennt eben.

Unsere Nachbarn haben eine Katze. Der Mann muss immer früh hoch.

 

 

Kapitel römisch zehn

 

 

Das Wetter ging heute so. Die Arbeit auch. Gerd fährt jetzt einen VW. In der Pause heute war mir der Kaffee etwas zu stark. Am Wochenende ist Kirmes. Da sitzen wir dann meistens im Bierzelt und Andi erzählt Geschichten von früher. Es geht um unsere wilde Zeit. Ich hatte damals Schuhe mit blinmkenden Lichtern an der Ferse. Wir waren ganz schön crazy, das kann ich Euch sagen.

Wenn wir Geld hatten, haben wir uns Pizza bestellt. Draußen ist es kalt. Da muss man sich was überziehen. Nachmittags ist meistens nichts los. Nieselregen, bewölkt, Stau auf der A7. Ich sitz zu Hause rum. Meine Freundin ist gerade da. Wir trinkenb eine Sprite. Das Zimmer ist schön eingerichtet. Wir haben eine Zimmerpalme. Die muss man jeden zweiten Tag gießen. Mein

Opa hatte ein Aquarium mit Guppys und einem Kugelfisch. Am Wochenende hat er immer Sportschau geguckt und Bild am Sonntag gelesen. Er fand Bundeskanzler Schmidt gut. Manchmal hat er sein Gebiss rausgenommen. Auf seiner Beerdigung haben alle geweint.

Im Krieg hatten die es nicht gut. Man wurde ausgebombt. Dann kamen die Russen. In der DDR hatten die es auch nicht leicht.

Wir hatten Verwandte in der DDR. Die sind jetzt arbeitslos. Das ist sicher ein schweres Schiksal. In der DDR waren die Brötchen billiger. Aber sonst...

Mit dem Schicksal ist das so eine Sache. Entweder man hat sie oder man hat es nicht.

Fragen wir doch das Radio aus dem vorletzten Kapitel. Es sagt sowieso im Frühling immer das Radio von der Wand gestellt bekommen.

Man merkt gerade, dass Michael verrückt wird. Sein Eltern machen sich schon Sorgen. Er braucht eine Kur auf dem Land. Seine Oma hat einen Bauernhof, da arbeitet er zwei Wochen. Danach geht es ihm hoffentlich besser.

 

 

Kapitel römisch zwölf

 

 

Mir geht es hier gut. Ich arbeite fast den ganzen Tag und das Essen ist nahrhaft. Meine Freundin hat mit mir Schluss gemacht.

Andi kommt manchmal vorbei. Dann spielen wir mit Hotte Skat. Hotte gewinnt meistens. Abends gibt es Bratkartoffeln. Am Wochenende fahre ich nach Hause.

Die Welt kommt mir mit einem Mal ganz anders vor. Das kann aber auch am Frühling liegen. Ich lese viel. Morgen gehe ich mit Andi in den Park. Er spielt Mundharmonika und ich lege mich in die Sonne.

Ich gehe in die Abendschule und wohne jetzt in einer Wohngemeinschaft. Nette Leute da. Der eine hat eine große Sammlung an Blues-Schallplatten. Mein Vater besucht mich manchmal und steckt mir ein bisschen Geld zu. Ich war ganz schön fertig mit den Nerven.

Zum Glück haben die mich untauglich gemustert, ich hatte ein Attest von meinem Arzt.

Das mich Silke verlassen hat, war sehr schwer für mich. Sie war nämlich meine erste große Liebe.

Aber meine Leute trösten mich etwas darüber hinweg. Andi hat sich als wirklich guter Freund erwiesen. Er war für mich da, als ich ihn gebraucht habe.

 

 

Kapitel römisch dreizehn

 

 

Da trinken die immer Kaffee. Vormittags und Nachmittags trinken die Kaffee. Die trinken da den ganzen Tag nur Kaffee. Haben die nichts anderes zu tun?

Kaffee ist gut fürs Gehirn. Wer viel denkt, sollte auch viel Kaffee trinken. Wenn man Kaffee trinkt, geht’s einem hinterher gut. Und während man Kaffee trinkt, geht es einem auch gut. Dazu eine Zigarette, Milch und Zucker.

Kaffee ist mein Elexier. Kaffee ist besser als Bier. Kaffee ist immer da, auch wenn die Leute weg sind. Jeder sollte eine Kaffeemaschine zu Haus haben. Hat auch fast jeder. Und wo eine Kaffeemaschine steht, ist das Kaffeepulver nicht weit. Man kann also sagen: Kaffee gibt es überall. Den Kaffeefilter kann man improvisieren.

 

 

Kapitel römisch vierzehn

 

 

Ich hab’ mir jetzt auf dem Flohmarkt einen alten Plattenspieler mit zwei Boxen gekauft (zwanzig Mark). Der Verkäufer hat mir noch eine Schallplatte mitgegeben, die „Uprising“ von Bob Marley. Ein paar billige von den Stones und weiß ich wem noch, habe ich mir auch gekauft, ich bin mehr nach dem Plattencover gegangen.

Ein Nachbar hat mich heute auf einen Tee eingeladen. Der hat ungefähr fünf Meter Schallplatten und nimmt mir einr Soul-Kassette auf.

Ich arbeite jetzt vier Stunden am Tag in einer Reha-Einrichtung, Tischler oder so was. Ich suche mir eine neue Firma, bei der alten bin ich immer noch krank geschrieben. Ich weiß nicht genau, wieso, aber ich will da nicht wieder hin. Da hatte ich irgendwie immer das Gefühl, da ist irgendwas nicht in Ordnung.

 

 

Kapitel römisch fünfzehn

 

 

Demokratie ist eine Zankente. Heute sind Wahlen. Ich denke, da gehe ich auch hin. Ich weiß zwar nicht, wen ich wählen sollte, aber sonst ist heute ja nichts los.

Wolln mal sehen: CDU, SPD, Grüne/Bündnid 90, PDS, FDP... bis jetzt war noch nichts dabei...

Politik hat mich noch nie interessiert. Ich wähle für den Landtag die Friedensliste und für die Bezirksversammlung die Wählergemeinschaft „Zufriedenheit jetzt!“ und gehe nach Hause. Andi hat SPD gewählt. Er meint, die wären das kleinere Übel.

 

 

Kapitel römisch sechzehn

 

 

Gestern Murat kennengelernt. Der presst Metallteile für Flugzeuge. Wir haben uns gut unterhalten. Er wohnt auch nicht weit weg, Samstag gehen wir zum Fußball.

Der hängt immer in Cafés rum, wenn er gerade frei hat. Mit dem könnte ich mich schon anfreunden.

 

 

Kapitel römisch siebzehn

 

 

Andi ist tot.

Ich schreibe das und kann nicht glauben, dass das stimmt. Gestern habe ich ihn noch gesehen. NEIN! NEIN! NEIN!

Es ist auf der Autobahn passiert. Er war auf seiner Honda unterwegs.

Scheiße!

 

 

Kapitel römisch achtzehn

 

 

 

 

Kapitel römisch neunzehn

 

 

Heute haben sie ihn unter die Erde gebracht. Alle waren da. Der Pfarrer erzählt irgendwas von Jesus und Sünden vergeben. Andi war nie gläubig.

Seine Mutter hat sich in die Nervenklinik einweisen lassen. Ich komme sie fast täglich besuchen. Sie hat Depressionen. „Für eine Mutter gibt es nichts schlimmeres, als das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen“ sagt sie. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich weiß: ich werde Andi nie vergessen. Er war der Besten Einer.

 

 

Kapitel römisch zwanzig

 

 

Ich träume viel. Am Tag, meine ich. Ich schreibe viele Gedichte und denke viel nach. Über das Leben und über den Tod.

Diese Welt kann einen manchmal schon ziemlich ankotzen, ich kann die Leute verstehen, die von einer besseren träumen. Aber die werden dafür verprügelt.

Murat sieht sich als Kommunist, und was er will geht schon in die richtige Richtung. Wir Menschen sollten versuchen, uns das Leben gegenseitig nicht unnötig schwer zu machen.

Ich erwarte vom Leben eigentlich nicht mehr als jeden Tag genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und ein paar gute Freunde. Der Rest findet sich schon.

 

 

Kapitel römisch einundzwanzig

 

 

Gestern habe ich mit Murat einen Film über Grönland gesehen. Da ist es ja verdammt kalt. Und die ganzen Eisbären und Polarfüchse und Polarforscher, die da rumlaufen. Irgendwann muss ich da auch mal hin. Es ist schön ruhig da. Kein Ärger, kein Krieg, fast keine Leute da. Da weiß man doch wenigstens, woran man ist.

Bloß ´n bisschen kalt ist es da. Und dann immer mit dem Hundeschlitten zur Arbeit, ich weiß auch nicht...

Ich mag Katzen lieber als Hunde, aber ´n Katzenschlitten ... ich weiß auch nicht ...

 

 

Kapitel römisch zweiundzwanzig

 

 

Aber verreisen wäre schon mal ganz ok, im Sommer vielleicht. Hotte meint, ich könnte mit ihm ins Allgäu fahren, er kennt da Leute.

Ich denke zwei Tage darüber nach und beschließe dann, mitzufahren.

Ein Glück, dass der kalte Krieg vorbei ist. Man stelle sich vor: wir sitzen im Zug nach Kempten und plötzlich: Rums und Peng! Sämtliche Weltmetropolen nördlich des Äquators ausgebombt, und zwar so, dass die keine Trümmerfrau der Welt wieder aufgebaut kriegt.

Nee, wir hatten schon echtes Glück. Meiner Treu!

Also gut, fahren wir ins Allgäu. Ne lange Fahrt und wir lernen zwei Algerier kennen und trinken mit denen erstmal ´n Bier.

Am Bahnhof empfangen uns Kuddel und Pizza. Wir kommen in dem Haus, dass die da besetzt haben, unter und zur richtigen Zeit. Da ist gerade ein Punk-Konzert am Start. Es spielen „Blowdried Puke“(Punk) aus England, die baskische Hardcore-Combo „Arbol“ und „30.000 Kollegen“(Rumpel-Punk) aus Hamburg – so´n Zufall! Wir trinken mit denen im Backstage-Raum und die nehmen uns nächstes Wochenende in ihrem Tour-Bully mit.

Das Haus ist wirklich korrekt, das Essen für die Verhältnisse veganer Volksküche ziemlich gut, und am Wochenende ist immer was los. Nur der Dialekt...

 

 

Kapitel römisch dreiundzwanzig

 

 

Irgendwann sind wir dann mit den 30.000 Kollegen zurück gefahren. Zwischenstation in Hannover. Da hatten die auch einen Gig. Der Sänger kratzte sich am Kopf und meinte: „Na?“. Das kannte ich noch von früher.

Vom nächsten Geld kauf´ ich mir erst mal ´nen ordentlichen Plattenspieler. Ich hab´ da schon so was im Auge.

Wer weiß, was nicht noch so alles passieren wird.

 

 

Kapitel römisch vierundzwanzig

 

 

Heute bin ich zum ersten Mal in meinem Leben als „Zecke“ beschimpft worden. Schon etwas seltsam. Meine Identität in der Öffentlichkeit ist eine andere geworden. Früher bin ich nicht besonders aufgefallen. Auf einmal gehöre ich zu der Gruppe „Subkultur“, „Freak“ oder irgend so was.

Na, mir soll´ s recht sein.

-         Einschub: Passen Sie bloß auf sich auf.

 

 

Kapitel römisch fünfundzwanzig

 

 

Andi sitzt immer noch im Aufnahmeraum des Himmels, denn er war ja ein Guter (der Beste). Als seine Nummer aufgerufen wird, sagt man ihm, er müsse sich seinen Tod zuerst ärztlich bescheinigen lassen.

 

 

Kapitel römisch sechsundzwanzig

 

„Geht ihr auch manchmal weg?“

„Ja, so je nachdem was los ist.“

„Ach so!“

„Heut´ Abend is´ ja nix los.“

„Echt nich´?“

„Ja, echt nich´.“

„Ich brauch´ mal ´ne Pause.“

„Ja, genau.“

„Lass´ ma´ hinsetzen“

„Ja, genau, da drüben auf die Bank“

„Auf die grüne oder auf die rote?“

„Auf die linke.“

„Moin, Horsti! Auch hier?“

„Ja ja, ich hab´s ja immer an den Nieren.“

„Hör´ mir bloß auf mit sowas!“

„Ja ja.“

„Is´ schon gut.“

„Mein Reden!“

„Lass´ ma´ den Bus nehmen.“

„und wohin?“

„In die Stadt. Da is´ immer was los.“

„Geht klar.“

„Denn man los.“

„Meine Güte, dauert das lange, bis der kommt.“

„Ich rauch´ ma´ eine, denn kommt er immer.“

5 Minuten Stille.

„Hat wohl nicht gewirkt.“

„Nee, ne.“

 

 

Kapitel römisch siebenundzwanzig

 

 

War neulich in der Wurstbude. Bratkartoffeln bestellt. Beim Kicker-Fußball-Quiz erzielte ich den Rang „Stehplatz-Experte“. S-Bahnen fahren heute keine, da ist eine explodiert. Es sind dann alle schnell raus. Eine Frau kam vorbei. Sie hatte Schuhe an. Sie ging dann in einen Kiosk und kaufte sich Zigaretten. Als sie wieder rauskam, zündete sie sich eine an.

Mein Zimmer war so Möbel Jonas mal einsfuffzig kreuz. Der Andere hieß Ulf. Er hat Bulimie und hört Böhse Onkelz. Dann wird es Nacht. Es ist abnehmender Mond und irgendjemand hat die Feuerwehr gerufen. Wir sitzen in den Gängen, rauchen, trinken Saft, hören Klezmer und Hip Hop. Ansonsten öde Routine. Aber das ist im Moment ganz o.k..

Ich schreibe ein Gedicht:

 

Vorgestern habe ich einen Joghurt gegessen.

Der war schlecht.

Dann ging ich nach oben.

Ich setzte mich auf einen Stuhl.

Ich nahm mir ein Buch.

Das Buch war langweilig.

Dann hustete ich zwei mal.

Vorsicht, es folgt ein innerer Monolog:

Auf der Arbeit immer das selbe.

Und der Chef.

 

 

Kapitel römisch achtundzwanzig

 

 

Ich setzte mich erstmal ins Café und wartete. Dann kam Murat und wir tranken einen Kaffee zusammen und spielten Backgammon. Da sagte jemand vom Nebentisch: „Hallo.“

 

 

Kapitel römisch neunundzwanzig

 

 

„Was Du nicht sagst! Bei uns haben wir das gleiche Problem.“, Heynz wurde nervös. Er brauchte eine Pause. Jetzt bloß die Ruhe bewahren, hieß die Devise. Morgen schon weht ein anderer Wind. Ich bin eigentlich aus Plastik. Meine Freunde nennen mich Michi. Eigentlich heiße ich Michael. Ich habe früher Modellflugzeuge gebaut. Revell. Vielleicht habe ich dabei zu viel Lösungsmittel eingeatmet.

Die Plastiksoldaten sind alle im Müll. Der Krieg ist vorbei. Ich stehe am Grab von Andi. Er hat nichts verpasst. Ich habe ein Lied für ihn geschrieben. Manchmal schaue ich noch bei ihm vorbei.

Es gibt einen chinesischen Philosophen, der hat behauptet, die Welt sei so beschaffen, dass sie sich nur im Suff ertragen ließe.

Honduras produziert im Jahr vier mal so viel Zement wie Island. Wir wollen hier nicht pathetisch werden.

 

 

Kapitel römisch dreißig

 

 

„Wir brauchen keine Hausbesitzer ...“, Party im Sozialen Zentrum. Ich lege auf. Die Leute tanzen Pogo, die Stimmung ist gut.

Das muss so zu der Zeit gewesen sein, als „Jugendrevolte“ noch mehr war als nur ein Wort. Wir lachten. Wir tanzten. Wir hatten uns lieb.

Pogo in Togo.

Anthony hat mich über den Herbst nach da eingeladen. Gute Perspektive.

 

 

Kapitel römisch einunddreißig

 

 

Die Welt braucht Idole. Diese Angewohnheit macht die Leute kaputt. Man kann nichts dagegen machen, man kommt da nicht raus.

Spanien hat jetzt eine neue Regierung. Franco ist tot. Und den Rest kriegen wir auch noch.

Sei unbesorgt. Auf der Welt sind wir mehr als die. Und wenn nicht, ist auch gut. Hütte brennt. Da brauchste nicht pusten, da hilft nur Wasser. Oder ´n Pulverlöscher.

 

 

Kapitel römisch zweiunddreißig

 

 

Möge jeder Tag für das Seinige sorgen, wie die Lilien auf dem Felde. Lasset euch gesagt sein, o meine Brüder und Schwestern: Hubal hat sein Werk in euch verendet. Er schreibt keine Bücher, er züchtet Raben, die uns durch ihr Kopfnicken den Weg weisen. Tu´ Deine Augen auf und Du wirst sehen.

Jedes Wesen folge dem Ruf seiner Seele nach, keiner trage des Anderen Last.

Wie gesagt: Es sei für alle vorgesorgt.

 

 

Kapitel römisch dreiunddreißig

 

 

I´m gonna be iron like a lion in Zion

 

 

Kapitel römisch vierunddreißig

 

 

Tja, wo mag mein Zion liegen? Ich fahr erst mal mit Anthony nach Togo. Wir können auf einem Maschinenersatzteile-Frachter überarbeiten und überarbeiten uns nicht.

Die Welt braucht ein Ziel. Unseres heißt diesen Herbst Lomé.

Das Lied im Recorder singt von Jesus, an den glauben in Togo viele. Bei uns sind auch viele in der Kirche. Am Sonntag erzählt der Pfarrer, dass alle Menschen Brüder sind. Dann gibt es Abendmahl, wegen Judas und so.

Diese Verdächtigungen bringen uns nicht weiter. Mein Bruder hat sich die Weisheitszähne rausoperieren lassen. Er sah zwei Wochen lang aus wie ein Hamster und hat nur Qalete gegessen.

Der Zahnarzt kommt aus Nigeria, hat aber in Schweden studiert. Er ist sympathisch und versteht was von seinem Fach. Er isst auch gerne Bratkartoffeln. Er hat sich hier gut eingelebt.

 

 

Kapitel römisch fünfunddreißig

 

 

Ich habe einen Job gefunden. Ich arbeite jetzt als Putzfrau in einem Altenheim. Halbtags. Den Rest zahlt die Behörde.

Meine Mutter war beim Ministerium für Verwaltungsangelegenheiten, bis sie auf einer Rolltreppe tödlich verunglückte.

Sie hat auch nichts interessantes verpasst.

Ihr Vater, mein Opa, hatte eine Apfelplantage im Alten Land, aber er hat seinen gesamten Besitz beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel verloren. Er ist zu beneiden. Jetzt ist auch er tot, aber nicht deswegen. Ganz ruhig, ich kriege schon wieder Zustände. Wochenende. Pernod trinken. Zu viel. Ich muss wieder ins Krankenhaus.

 

 

Kapitel römisch sechsunddreißig

 

 

Meine Mutter hat immer Voodoo gemacht. Man sagt, so wäre sie an meinen Vater geraten. Sie spielte auch sehr gut Skat und hat sich ausgiebig mit dem Glasperlenspiel beschäftigt.

  Später bekam sie dann Angstzustände, traute sich nicht mehr aus dem Haus und dieser Ausrutscher auf der Rolltreppe war auch kein Zufall.

  Ihre Vorfahren waren alle bei der Behörde. Es sollen sogar einige Geheimagenten unter ihnen gewesen sein.

 

Kapitel römisch siebenunddreißig

 

 

Wieder Krankenhaus. Mein Bettnachbar schnarcht nachts. Tagsüber starrt er meistens an die Wand. Was dem wohl durch den Kopf gehen mag? Ich glaube, das will ich gar nicht wissen.

  Ein Zimmer weiter ist eine Briefmarkensammlerin. Im Waschbecken löst sie die Marken von den Umschlägen ab. Sie hat viele osteuropäische Marken, einige davon von vor 1900.

  Ich lese gerade „Aladin und die 40 Räuber“ auf spanisch. Ich bekomme kaum mit, worum es eigentlich geht, aber das kann auch von den Medikamenten kommen.

  Die Welt ist für einen Augenblick in ihrer Drehung angehalten ... Morgen kommt, aber erstmal sitze ich im Heute von „Villa Manchmal“ unter der Käseglocke und lecke meine Wunden. „Draußen ist feindlich“ sagte schon Blixa, und der muss es ja wissen.

„Die Menschen sind Engel und leben im Himmel“ gefällt mir da schon besser. Es lässt sich schon aushalten im Himmel, was hab´ ich zu verlieren?

 

Es folgen einige Aphorismen:

 

- Das Leben ist wie eine Kaffeemaschine: Hauptsache, der Kaffee ist gut.

 

- Das Leben ist wie eine Dose Bohnen: man braucht schon einen Dosenöffner, um ihn aufzubekommen

 

- Das Leben ist wie ein Brunnen: Nur wer daraus schöpft, kann auch daraus trinken.

 

- Mit dem Leben ist es wie mit einem Paar Schuhe: Entweder sie sind zu groß oder zu klein, aber man braucht sie, sonst tritt man barfuß in die Scheiße.

 

- Mach´ es wie die Bahnhofsuhr: Zähl´ die Abfahrtszeiten nur.

 

- Zum letzten Brunnen geht jeder alleine.

 

- Verzweiflung ist eine Pflanze, die mit Wut gegossen wird.

 

- Willst Du etwas gutes tun, geh´ erst mal ´ne Weile wo anders hin.

 

Man sieht, dass die Qualität der Aphorismen im Abnehmen begriffen ist, deshalb folgt hier der

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Russisch Brot

Oder

Das Buch vom Leben

 

 

 

Teil 2

 

Oi! Wir sajen alle Brider!

 

 

Kapitel arabisch eins

 

 

Ich streue mir Salz ins Bier und ordere noch eine Bullette mit Senf. Der Kellner ist mir persönlich bekannt. Er heyßt Heynz. Mit Y, denn seine Vorfahren kommen aus Grönland. Ich kenne ihn schon lange und könnte jetzt nicht genau sagen, woher.

Wahrscheinlich aus der Nervenklinik. Er die Station gegenüber und wenn wir beide freien Ausgang hatten, setzten wir uns rauchend in den Fahrstuhl, alle Stockwerktasten gedrückt und gucken ob keiner guckt, im Keller die Beschriftungen fotografieren.

Er brachte mir noch ein kühles Bier (Achtung, hier geht es in jedem Absatz um was anderes) und Manuela und ich und Heynz war im Dienst und Pingo stießen auf die UN-Erklärung der Menschenrechte an.

Irgendwann nahm ich dann den Bus und fuhr nach Hause. Aber der Bus wurde überfallen und ausgeraubt oder blieb im Stau stehen und ich musste zu Fuß weiter. Ich traf dabei Murat, der in die selbe Richtung unterwegs war. Wir gingen dann erstmal einen ordentlichen Tee trinken und sahen uns die Gemälde an, denn gestern war Vernissage gewesen und der Maler war noch da, aber seine Bilder waren sehr teuer aber sehr schön. Wir legten zusammen und kauften uns „Berlin 1942“ für den Infoladen. Dann sanken wir fragmentiert. Ich studiere ja jetzt in der Mensa, aber die hat um diese Zeit schon zu.

Heynz brachte uns noch einen Cappucino und Manuel gab etwas auf seinem Hackbrett zum Besten, ich glaube, es war „Come A Long Way“ von den Simple Minds. Ich war zufrieden. Gute Musik – ich vergaß das Schlagzeug und die Trompete – nette Leute, kein Krieg ...

  Nur Murat hatte Ärger auf der Arbeit – sein Chef hatte mitbekommen, dass er Plakate für Devrimci Sol plakatiert hatte, und der Verein ist bei uns verboten. Nun ja, er wird schon was neues finden und meinte auch selbst, er habe noch einige Eisen im Feuer. Notfalls würden die ihn immer noch im „Wilden Mann“ als Koch anstellen möglicherweise.

  Da sprach meine Dämonin zu mir.

  Sie erzählte von Freud und Leid der Liebe, von Krieg und Frieden und allem dazwischen zischen fischen mischen um mir aufzutischen, mich zu erfrischen und ich stand dazwischen.

  Das erste Mal habe ich sie mit zwölf Jahren getroffen.

  Margoletta war ein Auswuchs meines Geistes, sie stand plötzlich neben mir und schrie mich an: „Fresse halten! Nachdenken!“

  Tja, mit den ganzen Feuer- und Schwefeleffekten sah das ganz anders aus. Ich war tief beeindruckt und gab sofort das Trinken auf. Ich lebe viel intensiver seitdem, und auch meinem Magen geht es zusehends besser.

  Ich beschloss erstmal, dazubleiben bis der Kaffee kalt würde.

Dann setzte ich mich auf mein Trike und fuhr erst mal zur nächsten Eisdiele, von wo aus Margoletta mich vor dem sicheren Verkehrstod bewahrte.

  Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich die nächsten fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion verbringen würde, und ich denke, das war auch besser so.

  Mein Traum war es immer schon, von Berufs wegen eine Krawatte tragen zu müssen, also wurde ich Fahrkartenknipser bei der Bundesbahn. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Zweifelsohne.

  Murat stand auf und bezahlte, fuhr dann aber mit seinem rostigen VW-Bus nach Hause, worum ich ihn wirklich beneidete.

  Ich konnte ja auch nicht anders als mal so mal so und das ist mein voller Ernst, was soll man auch sonst machen und wo kämen wir sonst hin?

  Tja, das Eis war wenigstens gut. Ungefähr so gut wie Murat jetzt weg war. Ich leerte meine Taschen aus und suchte nach Geld. Drei fuffzig – genug für einen Becher Tee oder einen Hamburger. Tja, so war das damals.

  Dann schüttelte er mir an der Wand die Hand und verschwand, denn er hatte sich verbrannt.

 

 

Kapitel arabisch zwei

 

 

Ein neuer Tag, ein neuer Morgen. Es ist noch dunkel, als ich mich aus den Laken schäle und dann ohne zu duschen oder zu frühstücken mit einem Mate-Tee im Magen ins feindliche Draußen stürze.

  Am Kiosk die Tagesration Zigaretten, eine Station mit dem Bus, S-Bahn. Wir verlassen den Tunnel und über der Elbe strahlt mir das Türkis-Grau-Pink des Morgenhimmels entgegen. Diese Farbkombination würde eine schöne deutsche Nationalflagge abgeben, denke ich so bei mir. „We do what we´re told” singt mein Bruder im Geiste durch meine Kopfhörer, und genau auf dieses Spiel habe ich mich auch eingelassen.

  Feierabend um eins, „nicht voll belastbar“ sagt mein Arzt. Den ganzen Tag Zinnsoldaten abstauben, Sachen sortieren, Frühstückspause mit den Kolleginnen, Kaffee, Kippe, später Mittagessen, Croissant, Pommes, Döner, nach Lust und Laune, dann ins Café, Zeit vertrödeln, small Talk über Musik und Bücher.

  Nette Leute. Heute war Matthias da, wir aßen Russisch Brot und tranken Alsterwasser, er hat sein neues Demotape mitgebracht. Ganz nette Musik, Roots-Reggae mit plattdeutschen Texten. Matthias spielt Gitarre seit er 14 ist. Ich muss schon sagen: er hat da eine ziemliche Virtuosität (Viskosität) entwickelt. Wenn Du bei ihm bist und er sich gerade in ein Solo vertieft, ist er Minuten lang nicht ansprechbar.

  Heynz schraubte sein Holzbein ab und schlug dazu den Takt Takt Takt. „Musik ist eine der letzten Formen von Magie, die uns noch geblieben ist“ sagte Manuela und dann gingen wir spazieren. Matthias, sein Sohn Gabriel, Hannes, Wolfgang, Manuela, Margoletta und ich. Das Wetter ging so. Es stellte sich uns eine Baumaschine in den Weg. Wir stiegen ein und los ging´s.

  „Eine Frage der Zeit“ von Yok Quetschenpaua, ja, ich informiere Euch immer, wenn Musik im Hintergrund läuft. Auf die B75, in Tostedt vor den Bahnhof geschissen, dann irgendwann Bremen.

  Wir suchen uns ein Café mit Livemusik – Blechbläser, Glasbläser, Weingläser, kranke Leute, einer wollte sich aufhängen, aber das hatte nichts mit uns zu tun.

  Denn ich war ja auch krank. Hypersensibel, hyperaktiv, bipolar-affektiv und Spaß dabei. „Hoppla, hier komm´ ich“ – so war ich mal. Bin gespannt, wie das weitergeht mit uns.

  Ich träume von IHR und Margoletta stellt Wegweiser auf. Ich bleibe ruhig, denke nicht drüber nach und bin rechtzeitig gewarnt.

  Alarm, Alarm, A las Armas! Brüllen, zertrümmern und weg! Die Rockers kommen. Dann gehen wir halt eine Kneipe weiter. Man hört noch Kampfgeheul, Scheiben splittern, brennendes Inventar. Dann Ruhe. Dann ein Martinshorn. Drei Löschwagen, zwei Bullenschüsseln, etwas übertrieben.

  „Nein, hier in diese Kneipe sind sie nicht geflüchtet.“ „Schönen Tag noch, Herr Wachtmeister.“

  Die Luft ist rein, die Rocker kommen aus dem Klo und der Präsi schmeißt ´ne Lokalrunde. Hoch die Tassen! Später noch in die Neue Grünstraße, da spielt Volkers Band. Rumpel-Punk, er an der Fanfare und vor dem Auftritt noch ´n paar Backstage-Bier für Murat und mich, dann Pogo!

  Friedlich, laut, kraftvoll. Hier bin ich Mensch, hier trink´ ich Bier. Nachher noch´n DJ, Querbeet. Ich lerne Ilona kennen, so ´ne Mod-Frau aus Magdeburg. Ganz sympathisch, schiebt `nen ziemlichen Öko-Film, hat ´ne ganze Stange Verfahren wegen Castor-Blockade und so´n Kram anhängig. Wir tauschen die Nummern aus.

 

 

Kapitel arabisch drei

 

 

Murat hat sich einen Hund gekauft. Dobermann. Er hat ihn Odysseus genannt. Oder Odin, das weiß ich nicht mehr genau. Irgendwas mit O. Ich mag keine Hunde.

 

 

Kapitel arabisch vier

 

 

Langsam gleiten die Stahlträger der Luftlandefähre zu Boden und geben die chromglänzende Rampe frei. Einen Moment lang herrscht andächtige Stille. An der Luke wird die erste riesige haarige schnippende Hand sichtbar.

  Sie nimmt einen kurzen Anlauf, klötert die Rampe hinunter und versinkt dann im Moor. Die zweite Hand denkt nach. Sie gibt einen kurzen Schuss Tetanus-Strahlung auf das Moor ab und setzt das Raumschiff wieder in Bewegung.

 

 

Kapitel arabisch fünf

 

 

Murat hingegen mochte seinen Hund. Er nahm ihn überall mit hin. Als Othello endlich stubenrein war, freuten sich alle.

  Wir saßen immer noch im Café und freundeten uns mit den United Drinkers Tostedt (der Rockerbande von vorhin) an, tanzten ein wenig und hatten unseren Spaß, wie sich das am Wochenende gehört.

  Todmüde und etwas angetrunken sanken wir in unsere provisorischen Betten. Ich hatte einen seltsamen Traum:

 

 

Kapitel arabisch sechs

 

 

Ich ging mit meinem Großvater über den Kurfürstendamm. Es war neuerdings 1942 und wir trugen beide einen Judenstern, allerdings in Violett und mit sieben Zacken. Eine Gruppe Hitlerjungen, die gerade „Guantanamera“ sangen, kam uns entgegen. Mein Opa zerrte mich panisch in die Gedächtniskirche, die jedoch von innen aussah wie der Kölner Dom. Wir suchten uns eine Krippengruppe und gesellten uns als Hirten dazu. Das Jesuskind hatte die Gesichtszüge von Ilona und fing leise an, die Internationale zu summen, als ein Hitlerjunge mit gezücktem Fahrtenmesser den Raum betrat.

  Plötzlich schlug der Blitz in die Kirche ein und ich stand auf einer Waldlichtung. An den Rest kann ich mich nicht erinnern, aber es kam ein sprechender Frosch drin vor.

 

 

Kapitel arabisch sieben

 

 

Ich habe lange über diesen Traum nachgedacht, bin aber zu keinem schlüssigen Ergebnis gekommen.

 

 

Kapitel arabisch acht

 

 

Draußen ging gerade einer vorbei. Mit Hut. Gerade eben wie wir da saßen. Sah aus wie meine Mutter. Nur die Haare. Naja, besser is´.

  Gestern Kröte kennengelernt. So´n Oi!-Punk aus Barmbek Arbeitet in ´ner Aalräucherei. Schichtdienst. Akkord. Er ist ja auch Gitarrist. Bei der Experimentalfolk-Combo „Riesige bärtige behelmte Gestalten aus dem Weltraum“. Wir fachsimpelten über Musik.

  Zu der Zeit hatte gerade das umstrittene Album „Alice Cooper singt badische Winzerlieder“ für Furore, Bambule und Gejohle unter den Heiopeis und Hallodris gesorgt. Selbst meine Mutter konnte dazu tanzen, obwohl die Einflüsse klingonischer Folklore unüberhörbar waren, was von den Kritikern einhellig als „unnötige Häufung exotischer Adjektive“ diagnostiziert wurde. Mir wurde schlecht.

  Meine Beine verhakten sich in der Garderobe und ich schlug – pardauz! – der Länge nach hin. Das gab ein Hallo. Aber Hallo!

  „Hallo?“ meinte Murat, um zu testen, ob ich noch lebte. Tat ich. Euer guter Michi wird ja nicht inmitten der Handlung abkratzen, womöglich noch bevor er den Fall gelöst hat. Wo kämen wir hin?

  „Wo kämen wir hin, wenn alle immer fragten ‚Wo kämen wir hin?’ und keiner hinginge um zu sehen, wohin man käme, wenn man denn ginge?“ stand an der Wand der Toilette, auf die Murat mich geschleift hatte, um mich am Waschbecken wiederzubeleben.

  Die Ramones ballern aus den Boxen, es ist genug zu trinken da. Ich muss wohl kurz weggetreten worden sein. Halli Galli, Pogo im Wohnzimmer, gute Laune, Kröte kotzt in die Zimmerpalme. Abbruch Abriss Auszugsparty von Ilona. „Yippie-aye-oh!“ denke ich, zumal sie gleich bei mir um die Ecke auf ein Segelboot im Bahnhofskanal zieht.

  Das Boot heißt „Wladiwostok“, aber sie will es in „Kursk“ umtaufen. Da wurde es Winter. Winter´78/´79, kein Durchkommen. Schneegestöber zwei Meter fuffzig. Ich war nicht dabei. Ich war drinnen. Ich war noch klein. Der Steckrübenwinter war schlimmer. Chapeau, Monsieur le Monde, aber Du hast schon eine ganz schöne Scheiße zugelassen manchmal. Ich wollte das Thema eigentlich aussparen, aber nach einem halben Liter Bordeaux ... Egal!

Vorläufiger Absatz.

 

Da kam die Polizei. Lalülala. Festnahme. Ingewahrsamnahme. Was auch immer. Die kommen auf Ideen. Schnittlauch, sagten wir früher immer – außen grün, innen hohl und tritt meistens in Bündeln auf. Grün/Weiß, Komplementärfarben Rot/Schwarz. Das kann kein Zufall sein, mein Schatz. Tanzen wir erstmal eine Polka.  Hacke-Spitze-Eins-Zwei-Drei- Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm, so geht das! Ist doch liebenswerter als Knüppel und Gas – Gegen Demokraten helfen nur Soldaten – Nehemen Sie gefälligst Haltung an, wenn ich mit Ihnen rede – Blaukraut bleibt Blaukraut – Auf der Parkbank sitzt ein Bartpunk.

  Lupo, den kenn´ ich noch von früher! Ersma Moin! Und was geht? Nachher ins Logo? Warum nicht? Die Kassierer? Nie gehört. Ach, die mit dem Song! Ja nee, ´n Zehner kann ich schon noch aufbringen. Um halb neun oben an der Rolltreppe? Sach mal noch den Kollegen bescheid!

 

 

Kapitel arabisch neun

 

 

Und wieder auf der Landstraße. Den Morgenkaffee noch nicht verdaut, in den Sonnenauf- oder –untergang. Mein Schatzi auf dem Rücksitz, wir wärmen uns in irgendeiner Gaststube auf – und irgendwann wieder raus in den Fahrtwind. 30 km sollen das noch bis nach Hause sein. Bei unserem Tempo brauchen wir dafür noch ´ne Stunde – die Fuffi ist zu zweit mit Windschild zwar gemütlicher, aber ungefähr genau so viel langsamer. Was soll´s? Heute ist Sonntag und arbeiten müssen wir erst morgen wieder. Ich freu mich schon auf die Badewanne und mit Matthias einen heißen Tee trinken. Neugrabener Klabautertee oder mal gucken, was der so in Petto hat.

  Zwei Tische weiter sitzen irgendwelche Bozkurt-Schwachmaten – ein Grund mehr, das Café zügig (aber nicht hektisch) zu verlassen. Wir sehen nicht so auffällig aus, meinen Fußballschal habe ich wohlweislich unter der Jacke verborgen, ca ira.

  Morgen kommt Gaston aus Lüttich, ich hol’ ihn nach der Arbeit vom Bahnhof ab – dann gehen wir wohl erstmal in´s Café. Ne ganze Weile nicht gesehen den Kerl – er hat gerade Liebeskummer und braucht ne Luftveränderung – na ja, die Boches werden ihn schon auf andere Gedanken bringen. Am nächsten Wochenende ist auch wieder gut was los: am Freitag das Spiel, danach auf´n Kiez und Sonnabend CockSParrer und Angelic Upstarts im FZ – wieder mal Pogo, und anschließend kriegt der Vlaams Bloc was auf die Mütze – wundert mich eigentlich, dass die sich immer noch auf die Oi!-Konzerte trauen. Na ja, so lange die in der Minderheit bleiben ...

 

 

Kapitel arabisch zehn

 

 

Aber Frieden jetzt, Mazeltov, Good Vibrations, „Oj, wir sajen alle Brider“ scheppert es aus den Boxen. Murat, Gaston und ich sitzen im Café. Eben noch mit Ilona geschnackt. Wir treffen uns abends im Eck. Sie hat gerade ihren ersten Roman draußen und will einen ausgeben.

 Die Gestalten sind natürlich auch da. Am Wochenende gibt´s ´ne doppel-Release-Party für deren Album „Schwindelnde Höh´n“ und Ilonas Roman „Hochparterre“ – auch Rio und seine Leute haben sich angemeldet. Wenn wir Glück haben, geben die noch `n paar von ihren alten Krachern zum Besten.

  Wir lehnen uns zurück und versuchen, uns nicht zu übernehmen. Der rechte Arm wird ganz schwer, die Füße schlafen ein und wir verlieren vollends die Besinnung. Murat muss uns erneut wiederbeleben, aber da isses schon Wochenende.

  Gaston raucht einen Joint und wir beten, dass ihm nichts passiert. Er schläft ein. Wir wecken ihn noch rechtzeitig zum Konzert. „Immer mittemang“ heißt die Devise nun und nun und nun und alle haben Spaß. Der DJ ist etwas eigensinnig und legt heute nur englische Soul-Raritäten aus den 60ern auf. Na ja, so lange er nicht wieder anfängt, sich mit den Rockern anzulegen ...

  Aber die wollen heute auch nur den Abend genießen, wünschen sich alle Viertelstunde irgendwelchen sonstwas-a-Billy und gehen irgendwann in die Hollywood Canteen Raki trinken und aus den Fenstern gucken.

  Ilona machte aus Gewohnheit einen Bogen um diesen Laden und stolperte mit einer Schubkarre voller Bücher in den Klub, ihre drei Schwestern hinterher.

Der Abend war gerettet!

 

 

Kapitel arabisch elf

 

 

Da war sie plötzlich weg. Mit Luigi nach Neapel. Und auch meine Freundin macht zwei Tage später mit mir Schluss. Ich betrinke mich mit Rotwein und heule den Mond an.

  Das schöne an solchen Zuständen ist: man weiß wenigstens, warum man sich Scheiße fühlt. Und Prost!

„He just said:

Don´t bury your head

There´ll be an other girl instead…”

Eine Woche waren wir zusammen, nach einer einmonatigen Ouvertüre. Ich habe ein Lied für sie geschrieben: „parfümierte Kotze“ – aber sie hat es sich nie angehört. Erst mal zur Ruhe kommen, Szenenwechsel, Haare abrasieren, irgendwas. Der nächste Reinfall kommt früh genug. Ich sollte auf mich aufpassen und mir im Zweifel die treue Zweierliebe ganz aus dem Kopf schlagen (oder heiraten) – gab bis jetzt nur Ärger – Missverständnisse, wie man so schön sagt. Kotzen. Besser fühlen. Alle Gefühle abgetötet, und das hält noch ´ne Weile vor.

 

 

Und wieder

 

 

Russsisch Brot

 

 

Teil 1

 

 

Kapitel römisch achtunddreißig

 

 

Mein lieber Herr Gesangsverein! Das war aber eine hektische Episode. Lassen wir erst einmal Ruhe einkehren. Merke: was passiert ist, ist passiert. Es lässt sich beim besten Willen nicht mehr rückgängig machen. Manchmal bereue ich das. Manchmal tut es mir weh und gut zugleich. So ist das im Leben. Sollte es so sein? War es so geplant? War das mit eingeplant?

 

Welt

Wo kommst Du her?

Wo gehst Du hin?

Hast Du Verstand?

Hast Du auch Sinn?

Wer hat Dich gebaut?

Wer hat sich getraut,

Dich das mal zu fragen?

Ich will es Dir sagen:

Ich

 

Tja, da steh´ ich nun wie bestellt und nicht abgeholt, taste mich im Dunkel vor, halte mich hier und da fest. Eine Treppe nach unten. Wärme, dunkle Wärme. Ich bin im Schwarz. Es tut sich eine Welt mir auf, es brennt in meiner Seele. Wenn Du den Mond noch nie mit den Augen eines Psychotikers gesehen hast, hast Du nicht gelebt.

 

 

Kapitel römisch neununddreißig

 

 

Routine umfängt mich. Die Tage krümeln an mir vorbei. Nächste Woche soll ich entlassen werden. Ich habe nichts vor. Doch da fällt mir Anthony wieder ein. Ich träume von einer besseren Welt auf Pangäa oder Gondwanaland. Der Govinda-Park hat einen direkten Zugang zu Atlantis. Besonders im Spätsommer. Ich kaufe mir noch ein Eis.

  Dann ist Feierabend. Ich brauche die Krise, denn das Leben ist die Krise. Unser kommender Tod ist Tatsache, über die Details lässt sich noch diskutieren. Ich stehe im Paternoster. Dritter Stock: Kurzwaren. Ich kaufe ein Knäuel roter Wolle für Ariadne. Irgendwo im Park fange ich an, es zu entrollen. Es endet an meiner Haustür. Ich lasse die Tür offen und folge dem nächsten Hinweisschild.

  Fünf Richtungspfeile weiter stehe ich an einer alten Windmühle. Elstern nisten im Dachstuhl, ihr Gelächter hallt in meinen Ohren. Pica Pica – ich mag Elstern. Ein ruhiger Bach fließt und gabelt sich hier. Ich befinde mich auf einer Insel. Ich drehe mir eine Zigarette

  und jemand dreht mir ein Bier an. Wir trinken flüssiges Gold, Diebels Alt auf das Treffen.

  Wenn es mich ruft, gehe ich weiter. In solchen Zuständen bin ich mir meiner Sache gleichzeitig völlig un- und –sicher. Es regnet. Wir gehen in die leere Windmühle. Ein großes Pentagramm an der Wand, davor liegt eine Schachtel Zigaretten. Ich nehme mir die Zigaretten und lege dafür meinen Tabak hin. Ich gehe weiter, „Bis demnächst“.

  Ich finde ein Fahrrad und fahre damit in die Stadt, an einem Café halte ich an. Wir begrüßen uns wortlos. „Es hat sich herumgesprochen“ denke ich, und merke, dass ich gleichzeitig der Erste und der Letzte bin, dem das auffällt. Man stellt mir eine Cola vor die Nase. Anthony trinkt eine heiße Milch mit Honig. Es sind Leute aus Berlin da.

 

 

Kapitel römisch vierzig

 

 

Es ist im Prinzip wie beim Schach, nur dass Farben und Formen austauschbar sind. Meine Seele ist schwarz. Sie enthält alle Farben, indem es sie negiert. Ich habe noch nicht sicher herausgefunden, ob das für alle Seelen gilt. Sicher gibt es Leute, die sich dazu etwas vorspiegeln und ich kann nicht sicher sagen, dass ich nicht dazugehöre. Ich bin ja auch ein Mensch, obwohl ich mich manchmal als Rabe wohler fühle. Ich schenke den anderen Raben rote Rosen, wenn ich gerade kein totes Kaninchen dabei habe.

Dabei denke ich an die Elsterfrau im „Rose Garden“, die mir etwas vorzauberte und mir dann meine Sachen klaute. Vielleicht ist meine Ariadne schon da. Vielleicht ist sie schon wieder weg. Ich weiß nicht, welcher Suchende meinen Wegweisern folgt. Man kann ja auch mal Pech haben im Leben, dummerweise auch dann, wenn man sich vornimmt, glücklich zu sein. Also immer.

  Wir sind definitiv im langweiligsten Teil dieser Geschichte angelangt. Im Seitenfüller sozusagen.

  Ich gehe also wieder nach Hause, rolle die Schnur ein und mache mir einen Tee. Der Hausmeister kommt auch gleich. Da klingelt das Telefon. Es ist Murat. Er lädt mich ins Kino ein. Heute Abend. Es läuft eine turbulente Action-Komödie aus Amerika. Manuela kommt auch mit. Der Hausmeister kommt nicht zur vereinbarten Zeit. Am Telefon lässt ihn seine Frau verleugnen. Später erfahre ich, dass er sich auf dem Dachboden erhängt hat.

  Der Film war gut. Er handelte von zwei arbeitslosen Vietnam-Veteranen, die in der Schwulenszene von Chicago für Verwirrung sorgen. Als ich das mitbekam, war ich erschreckt und fing auch sofort an, mir Vorwürfe zu machen. Man hat gemerkt, dass es ihm schlecht ging, aber niemand hat ihn angesprochen. Seine Frau sagt, sie hätten kein Wort miteinander gewechselt. Dann wurde es dunkel. Vietnam war wohl zu viel für ihn. Er hat in der letzten Zeit sehr viel von der kommenden Apokalypse geredet und überall deutliche Zeichen dafür gesehen. Sozusagen hmm jaa da gibt es kein gutes Wort für.

  Eine Rose auf sein Grab und das ist auch schon fast alles, was ich tun kann. Ich will jedenfalls erstmal am Leben bleiben. Tut mir trotzdem Leid, dass ich Euch jetzt nicht sagen kann, warum. Das ist Instinkt, Urin-stinkt (M.B.). Ich kann mich aus bestimmten Dingen ausklinken, bleibe aber immer ich. Das Leben ist halt kein Wunschkonzert, ich hab’ Dir keinen Rosengarten versprochen, manchmal muss man mit den Wölfen heulen, der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er in einer Nacht dazwischen umgetreten wird.

  Es waren Gravuren darauf. Die Sonne scheint, das Leben ist so schön, denk’ doch mal an die Kinder in Indien, die würden sich nach Deinem Spinat die Finger lecken. Wir haben Dich doch alle liehb, wir machen uns nur Sorgen um Dich. Wir wollen Dich gesund, wie Du früher (nie) warst. Komm, Junge, mach’ die Therapie. Die Ärzte wissen am Besten, was jetzt gut für Dich ist ...

  Und da ich nicht wusste, was ich tun sollte, oder wo mir der Kopf stand, habe ich erstmal mitgemacht. „Stellen Sie das nicht da hin“ – „Ziehen Sie sich ordentlich an“ – „Räumen Sie ihr Zimmer auf“ – Mit Leuten in meinem Zustand redet man nur im Imperativ. Alles, was ich sage, ist bedenklich. Man will nur Small Talk von mir hören, untersucht mein Blut, meinen Urin, meine Hirn- und Herzströme auf der Suche nach dem wirklichen Ich. Aber es ist weg. Es war nie da. Ein bisschen unstrukturierter grauer Nebel, wenn es hochkommt. In letzter Zeit kommt es mir ziemlich oft hoch. Lügen, Fassadenmenschen, man kriegt jeden Tag so was von auf die Fresse, es ist wirklich zum Kotzen.

  Ich sammle blaue Flecken, ausgeschlagene Zähne, Prellungen und Krankenhausaufenthalte, um mir zu beweisen, dass ich noch lebe. Ich habe eine Familie, die mich versteht und eine, die mich liebt. Die zweite ist meine biologische, Liebe gibt es auch in der ersten und verstehen tun die mich auch nicht, höchstens akustisch. Was das den Steuerzahler nur wieder alles kostet!

 

 

Kapitel römisch einundvierzig

 

 

Ich wäre als Kind am liebsten Fallschirmjäger bei der berittenen Gebirgsmarine geworden. Riesige komplizierte technische Geräte durch die Gegend karren, Manöver in der Botanik, Dinge ausprobieren, die nie gebraucht werden, aber: wenn einer Ärger will, soll er ihn bekommen. Wenn die mal nicht übermütig werden. Manchmal denke ich, ich hätte zur Armee gehen sollen. Bei denen weiß man zumindest ganz klar, woran man ist.

  Es gibt buddhistische Mönche, die sich für zehn Jahre in einen Raum sperren lassen, um zur Erleuchtung zu gelangen. Warum soll das nicht auch funktionieren, wenn man zehn Jahre lang nur tut, was einem jemand anderes sagt?

  Mit der Erleuchtung ist das so eine Sache. Ich kenne sie persönlich nur vom Hörensagen, bzw. ich weiß eigentlich nicht genau, was die damit meinen. Dummerweise kann ich nicht so tun, als wäre mir dieses Thema egal, aber was es dazu zu sagen gäbe, habe ich sprachlich noch nicht erschlossen. Meine Mutter glaubte an den großen Weltzusammenhang und ich weiß, dass ich einen Teil davon zu spüren bekommen habe.

  Hätte ich vor 5.000 Jahren gelebt, wäre ich wahrscheinlich Schamane geworden. Ich bin prädestiniert für alles außerhalb dieser Realität (für eine genaue Beschreibung ihrer Grausamkeit schaut Euch bitte Euer eigenes Leben an – ich habe in dieser Geschichte auf die üblen Stellen weitgehend verzichtet). Meine Träumereien und mein Wahnsinn ließen sich sicherlich gut als göttliche Offenbarungen oder teuflische Verheißungen deuten – ich seh’ das nicht so eng. Ich betreibe keine Kristallmagie, ich gebe den Organen keine Farben. Meine Welt sind die Buchstaben und Zahlen. Nehmen wir einmal das Wort „Wurm“. Oder „Parzelle“. So was meine ich. Zwei Wörter und man hat schon einen halben Roman. Die Kinder haben sich beim Spielen im Garten verletzt, aber nicht besonders schlimm. Wir haben immer Pflaster im Haus, falls mal was passiert. Klopapier haben wir auch noch genug. Nur Matthias hat beim Einkaufen wieder die Butter vergessen.

  Margarine tut’s auch. Es ist wie verhext: Wenn man die Butter aus dem Kühlschrank holt, ist sie hart. Mit Margarine passiert mir das nie. Irgendwann werden alle nur noch Margarine essen.

 

 

Kapitel römisch zweiundvierzig

 

 

Margoletta meldet sich wieder einmal zu Wort. Ich bin ein Medium. Ich bin verrückt. Und sie redet mit mir und fühlt mich durch ihren Garten. Sie begrüßt jeden Baum (ihr Garten ist nicht groß) und dann ziehen wir die Schuhe aus und lassen die Füße im Teich baumeln.

  Ich habe keine Buchstaben und Zahlen im Kopf. Ich sehe und höre. Margoletta fängt ganz leise an, etwas auf Sanskrit zu singen. Ich verstehe aber, dass es ein Friedensgruß ist. Die Welt will mich friedlich, nur dummerweise sind hier die Hinweisschilder falsch für mich aufgestellt. Ich laufe den großen Blechschildern und nicht den kleinen Blumen nach. Ich habe mir einen anstrengenden Weg ausgesucht.

  In der Stadt ist immer viel los, es überfordert mich manchmal. Trotzdem gehe ich immer wieder hin, weil ich nur unter Leuten gelernt habe, glücklich zu sein. Aber langsam glaube ich, da ist noch eine andere Hälfte Leben für mich zu entdecken.

  Mein Leben hat zu wenig Bäume und zu viele Autos. Na ja, das wäre zu überprüfen. Stelle ich mir doch meinen Letzten Wald vor:

Ein Weg über eine holprige Furt eines Rinnsales aus dem Quellmoor. Alles grün, hinter mir die Weide. Ich gehe weiter. Links vom Weg Nadelwald, rechts Laubwald. Und das Moor. Da kommt die Birke, die ich so mag. Sie wächst vielleicht zwei Meter kurz über dem Boden waagerecht, um dann einen Bogen in die Senkrechte zu schlagen. Irgendwo fängt dann ihre klägliche aber grüne Belaubung an, die sich in der Andeutung einer Krone erschöpft. Ringsum verzweigte Wege, Bäume, viel Farn, einige Fingerhüte, eine Schonung und was da sonst noch so alles wächst.

  Letztens stand ich da und mir wurde bewusst, wie sehr ich auf der Suche nach der vierten Dimension die  dritte vernachlässigt habe. Ich kam mir wahnsinnig klein vor unter all den Bäumen. Ich rauchte eine Filterzigarette und steckte den Filter nachher in die Tasche. Früher sind wir oft zum Kiffen in den Wald gegangen, wegen der Athmosphäre.

  Es gibt Leute, die an Waldgeister glauben. Da wäre beispielsweise der Geist des Quellmoors: Ein kleiner hutzeliger bemooster grüner Gnom, der seine Lieder in Frequenzen jenseits des menschlichen Hörvermögens singt. Wir sind ihm dankbar dafür, aber ich weiß noch nicht einmal, ob es ihn gibt.

  Es ist trotzdem eine nette Geschichte. In dieser Geschichte sind viele Brüche, denn ich bin ein sprunghafter Mensch. Bäume sind schon ok, die tun ja niemandem was.

 

 

Kapitel römisch dreiundvierzig

 

 

Margoletta stellt mir in einer drogeninduzierten Vision meine Mutter vor. Wir stehen uns eine Weile schweigend gegenüber, dann fallen wir uns weinend in die Arme. Endlich haben wir uns gegenseitig vergeben. Wir trennen uns in Frieden.

  Meine Persönlichkeitsfragmente führen einen gemeinsamen Volkstanz auf. Dann muss ich los. Ich bin mit Murat zum Fußball verabredet.

 

 

Kapitel römisch vierundvierzig

 

 

Andi hat mittlerweile seinen Überweisungsschein in den Himmel bekommen. Am Empfang begrüßt ihn ein älterer Herr, dem Augenschein nach irgendwo in seinen Fünfzigern, aber was hat das hier schon zu sagen?

  „Frohe Weihnachten! Setzen Sie sich, nehmen Sie sich einen Stuhl. Wollen Sie einen Kaffee?“

 

 

Kapitel römisch fünfundvierzig

 

 

In der 90. Minute noch das 1:2. Scheiße! So wird das mit dem Aufstieg nie was. Anschließend waren wir noch auf dem Kiez. Im K-Club war noch so ´ne Mod Party, ich habe meine Exfreundin wiedergetroffen, die kennt mich gar nicht mehr. Na ja, ein Bier mehr und gut is’. Nach dem fünften ist sie mir ganz egal.

  Der DJ legt die Ramones auf. Das tut gut! Später noch ins Tonwerk und die Nacht langsam mit Dark Wave ausklingen lassen. Eigentlich einer von den besseren Tagen. War ja auch Samstag.

 

 

Kapitel römisch sechsundvierzig

 

 

Sonntach ausgepennt bis zwölf. Danach ins Café. Immer das selbe. Pfefferminztee, hartgekochtes Ei, dann Kaffee (Schale Milchkaffee zu vier dreißig). Hotte breitet seine Weltverschwörungstheorien aus, na ja, ein mal in der Woche kann ich mir so was anhören. Abends ins Eck, mit meinem Bruder und seinen Kollegen ´n paar Knollen und Baguettes verdrücken. Ruhig geschlafen die Nacht. Von selber um 10 aufgestanden. Tee. Frühstück mit Matthias und Ilse. So gegen zwei nehmen wir den Zug nach Norden, ´n paar Kollegen von den beiden wohnen da – Matthias und Ilse kommen aus Friesland.

   Augustin holt uns am Bahnhof ab, wir bringen unsere Sachen zu ihm und setzen uns an den Deich, rauchen erstmal ´ne Rolle. Norden ist wirklich ein sehr friedlicher Ort. Morgen gehen wir Booßeln. Augustin hat sich schon eine gute Strecke zurechtgelegt. Das ist ja hier so ´ne Gegend, wo man am Montag schon sieht, wer am Mittwoch zu Besuch kommt, und das muss ausgenutzt werden. Die Luft ist auch sehr gut hier. Wir gehen spazieren auf dem Deich. Alles voller Schafe hier. Nicht zum aushalten. Wo Du hinguckst nur Schafe. Boah! Krass! Nur schnell weiter.

  Ein Glück: „De ohle Hundskötter“ hat noch auf. Reinsetzen, Tee mit Rum bestellen. Denn noch ´n Köhm hinterher und ersma ´ne Runde Skat. Zwei Krabbenfischer setzen sich zu uns und erzählen Döntjes von früher. Deren Väter haben ja noch die große Fret von 1912 mitgekriegt, der eine wurde im großen Krabbenkrieg von den Konföderierten gefangengenommen und kam erst 1952 wieder frei. Im Friedensprozess und der symbolischen Wiedergutmachung soll der Erzbischof von Aabenra eine entscheidende Vermittlerrolle gespielt haben. Es wurden harte Gesetze und eindeutige Richtlinien, die Fangquote für Nordseekrabben betreffend, aufgestellt. Und in Friesland stehen jetzt nach wie vor blühende Landschaften. Die Leute genießen den Frieden und es sind für alle und sogar für den Export mehr als genug Krabben da. Der Tag des Friedensschlusses wird immer noch jedes Jahr mit großem Pomp begangen.

 

 

Kapitel römisch siebenundvierzig

 

 

Und wieder auf dem Deich. Hier können wir singen und schreien und lustig sein und es stört niemanden.

  In der Stadt ist das immer schwierig mit so was. Kaum ist man etwas lauter, kommt so’n Hilfssherriff angeschissen und macht Stunk.

  Ich brauche keinen Stunk. Ich brauche Liebe. Ich brauche Frieden. Ich bin trotzdem kein Hippie. Meine Freunde nennen mich Michi. Zum Frühstück gibt es Toast.

 

 

Kapitel römisch achtundvierzig

 

 

„Gott lobe den Container!“ steht auf dem Container. Ich muss an das Lied „Container Love“ von Philip Boa denken. Haben wir früher immer gehört und zu getanzt. Das waren schöne Zeiten. Wir waren jung und die Welt lag uns zu Füßen. Wenn wir in die Disco kamen, gab es immer ein großes Hallo.

  Ich hatte viele Freunde, die meisten von denen habe ich aus den Augen verloren.

 

 

Kapitel römisch neunundvierzig

 

 

Ihr wollt eine langweilige Geschichte? Bitte! Hier habt ihr sie.

 

 

Kapitel römisch fünfzig

 

 

Treffen sich ein Gnostiker und ein Shareholder beim Arzt. Sagt der Eine: „Sie haben aber ein schönes Hemd!“. Darauf der Andere: „Kein Wunder, bei dem Wetter!“

 

 

Kapitel römisch einundfünfzig

 

 

Der „Ohle Hundskötter“ lag am Boden vor Lachen, der Wirt läutete die letzte Bestellung ein, Fiete schmiss eine Runde Köhm, „Godewind“ dröhnte aus den Boxen. Murat und Augustin spielten noch eine Partie Armdrücken, dann gingen wir los und machten zu Hause weiter. Lala Lalala bis zum Abwinken Abstumpfen Abschalten. Dann den Kater genießen.

  Zum Aufstehen erstmal ´ne Multivitamintablette, nee Scheiße, da ist nur noch Magnesium über. Irgendwann Spiegeleier, abwechselnd „Pearl Harbor“ und „Sunny Side Up“ – wir kennen uns mit sowas aus.

 Ein Katertag ist etwas sehr entspanntes und angenehmes, gleichzeitig so rauh wie Kotze quer über’s Klo. Am besten eignen sich gregorianische Gesänge oder AC/DC. Die Poren sind offen, man traut sich nur mit Sonnenbrille auf die Straße. Es geht einem nicht gut, aber man weiß, warum. Das Wort „man“ ist in einigen Kreisen verschrien, ich benutze es trotzdem. Nun bleibt noch die Frage: Warum müssen wir manchmal so viel trinken?

 

 

Kapitel römisch zweiundfünfzig

 

 

Der Abend war doch gut. Ich habe mich blamiert, aber der Abend war gut. Sich blamieren tut weh, aber man spürt sich selbst sehr intensiv. Eine Blamage ist immer auch ein Fortschritt. Die Politiker sollten nicht gleich zurücktreten wegen sowas. Vielen Dank für Ihr Vertrauen.

 

 

Kapitel römisch dreiundfünfzig

 

 

Heute war wieder nichts los. Überhaupt nichts. Boah, is’ mir langweilig! Nur über irgendwelchen langweiligen Kram geredet, richtige Scheiß-Musik gehört, der Kaffee war viel zu schwach und außerdem koffeinfrei. Ich hab’ kaum noch Geld, nur trockenen bröseligen billig-Tabak, eine halbleere Packung Streichhölzer und fünf Blättchen.

  Die reden die ganze Zeit nur über Bands, die ich nicht kenne, der Himmel ist grau, es nieselt. Ich will später mal ein Seemannsgrab, Murat will sich mit dem Kopf Richtung Mekka verbrennen lassen wenn er tot ist. Ich habe meinen Organspendeausweis ausgefüllt und trinke erstmal noch einen Tüten-Kaputschino mit Kondensmilch und Süßstoff. Zucker ist alle.

  Abends gehen wir in eine Kneipe und trinken einen Cuba Libre. Der Wirt erzählt uns von seiner Zeit bei der Armee. Er hatte es nicht leicht. Wenn ich mir da die Jugend von Heute angucke, sagt er und verdreht die Augen. Er gibt uns einen Ouzo aus, „weil heute so’n schöner Tag ist“. Prost!

 

 

Kapitel römisch vierundfünfzig

 

 

Auf Musik hat hier (wir hatten einen Szenenwechsel) auch keiner Bock. Musik ist im Zweifel immer zu laut. Besonders Klezmer. Die Leute regen sich dann auf, als hätte man sie ausgeraubt. Sie sagen, sie suchen die Stille. Mir ist die Stille zu laut. Sie schreit mich an. Ich brauche Geräusche. Mal sehen, ob es jemanden stört, wenn ich jetzt Guesch Patti (wie spricht die sich eigentlich aus?) auflege.

  Das geht wohl gerade noch so. Ich nehme noch ein Getränk aus vergiftetem Fisch und singe beim Refrain mit. Ich bin hier sozusagen das Enfant terrible, auch und gerade in der Bohème. Ich selbst betrachte mich eher als Bonvivant, frei nach der Devise „Épatter le bourgeois“.

 

 

Kapitel römisch fünfundfünfzig

 

 

Letzte Woche bin ich wieder so einer Femme fatale verfallen, aber ich habe es noch rechtzeitig gemerkt. Sie hatte halt dieses Je-ne-sais-quoi, arbeitete als Feuilleton-Journalistin in einer Boulevard-Gazette, faselte von einer spirituellen Holzbrücke, die unsere Seelen in der Zwischenwelt verbindet. Sie hatte Esprit und ich den Schlammassel.

  Ich bin halt was Frauen angeht ein ziemlicher Schlemihl. Zum Glück habe ich noch meine Mischpoke und bei denen ist immer Mazeltov, obwohl ich mir schon so manche Chuzpe herausgenommen habe. Insch-Allah. Hauptsache, das Bier wird nicht teurer.

 

 

Kapitel römisch sechsundfünfzig

 

 

Rompons les rangs!

  Ich bin auf einer Demonstration. Der schwarze Block ruft Parolen aus den 20ern, 60ern, 70ern und 80ern, aus dem Lautsprecher spanische Arbeiterkampflieder aus den 30ern. Ich bin mit meiner 125er da, den Helm habe ich im 190er Mercedes von meinem Bruder untergebracht. André meint, morgen kann er mir den 100er wiedergeben, den ich ihm schon in den 90ern geliehen habe. Aber zu versuchen, von dem Geld wiederzubekommen, ist wie mit einem 15er-Schraubenschlüssel eine 12er-Mutter festziehen zu wollen.

 

 

Kapitel römisch siebenundfünfzig

 

 

Ich habe mich endlich entschieden: Ich wandere mit Mathilde nach Togo aus und wir machen eine Dönerbude auf.

 

 

Kapitel römisch achtundfünfzig

 

 

Oder auch nicht.

 

 

Kapitel römisch neunundfünfzig

 

 

Ich sitze wieder im Café. Es ist halb vier. Ich trinke Tonic. Mit Chinin. Das hilft gegen Malaria. Ich habe aber keine Malaria. Ich hatte auch noch nie welche. Habe ich da etwa etwas verpasst?

  Vielleicht war ich in einem früheren Leben eine Anophilis-Mücke. Frühere Leben sind langweilig. Ich kenne eine, die war schon mal klinisch tot. Sie sagt, nach dem Tod kommt nichts mehr. Aus. Ende. Schluss. Ich bin ja mal gespannt.

 

 

Kapitel römisch sechzig

 

 

Auch heute war wieder nix los. Ich hab nichts vernünftiges gegessen und zu viel Kaffee getrunken. Margoletta hat sich wieder gemeldet. Ihr geht es nicht gut, sie brauchte jemand zum Zuhören. In der Zwischenwelt ist das Leben auch nicht besser.

 

 

Kapitel römisch einundsechzig

 

 

Ich sterbe. Und danach geht es weiter. Ganz bestimmt. Ich bin irgendwann tot, aber danach geht es weiter. Nur wahrscheinlich ohne mich. Das gibt mir ein beruhigendes Gefühl. Wüsste ich sicher, dass ich in den Himmel komme, hätte ich auch ein gutes Gefühl. Vielleicht läuft ja beides auf das Selbe hinaus.

Ca ira!

 

Kapitel römisch zweiundsechzig

 

 

Sind so viele Kapitel genug? Immerhin habe ich meine Traumfrau noch nicht gefunden, und der Fall ist auch noch nicht gelöst.

  Egal, jetzt ist genug!

Den Rest könnt Ihr Euch denken!

 

 

 

 

 

Epilog

 

 

Michi lebte sein Leben wie jeder andere: mal so, mal so. Michi war ein Guter. Er hatte seine Leute. Jetzt ist er schon hundert Jahre tot. In seinem Grab liegt jetzt schon der Zweite nach ihm. Doch manchmal, wenn Vollmond oder Neumond oder Nebel oder Regen ist, denkt irgendjemand an ihn und seine Inspiration, seine Realität wabert durch den Kosmos. Er ist in alle Winde verstreut und etwas von ihm weht gerade durch Dein Fenster.

  Denke an ihn und alle, die gestorben sind, höre auf das, was sie Dir sagen:

 

Mach’ doch, was Du willst!

© Sebastian Kleist (seb@inlet.de)