Ich habe die Zwiebeltürme von Bujumbura gesehen. Mit einer Tasse Bananenschnaps saß ich mit dem Zar von Burundi in dessen Vorgarten und spielte Bauernskat. Man musste ihn mindestens jedes zweite Mal gewinnen lassen, sonst wurde man aufgehängt, aber abgesehen davon war er ganz nett.
Später gingen wir auf einen Ball, der jedoch eigentlich eher eine Diskussionsveranstaltung war. Wir setzten alle unsere Ibiyoba-Hüte auf, der kommissarische Vortänzer begrüßte die Anwesenden und begann, ein kompliziertes Argument für den logischen Dekonstruktivismus vorzutanzen. Als er beim dritten Wechselschritt angelangt war, fiel ihm der Direktor des Literaturkollektivs von Muyinga ins Wort, und binnen einer Viertelstunde tanzte der ganze Saal.
Einzig eine Gruppe persischer Existenzialisten hatte aus Protest den Saal verlassen und überfiel stattdessen eine Tankstelle. Als ich dazustieß, hatte Hazrat, mit dem ich gemeinsam an der Fernuniversität von Havanna Geologie studiert hatte, den Tankwart schon fast von der historischen Notwendigkeit der Herausgabe des Kasseninhaltes überzeugt. Mein Kirundi war nicht so gut, doch zum Glück konnte Hazrats Kusine ein wenig Rätoromanisch und übersetzte mir im Groben das gesagte.
Ich bsechloss, weiter bei der persischen Delegation zu bleiben und wir gingen gemeinsam in eine schummrige Pygmäen-Kneipe. Der Wirt, ein ca. 1,40 großer bärtiger Mittvierziger, dem man schon an seinem Gang und seiner ganzen Attitüde anmerkte, dass er den größten Teil seines Lebens zur See gefahren war, begrüßte uns freundlich und wir nahmen an einem Ecktisch Platz. Wir bestellten erstmal eine Runde Bananenbier und Ali Reza gab einige Döntjes aus seiner Zeit als Profi-Fußballer zum Besten.
Der Ball war mittlerweile auch zu Ende gegangen und draußen hallten die Schlachtgesänge betrunkener Philosophen durch die Gassen des Hafenviertels von Bujumbura. Der Wirt drehte die Hooters lauter, und einige Hutus begannen zu tanzen. Da sprang plötzlich die Tür auf und ein ca. 1,40 großer bärtiger Mittvierziger, dem man schon an seinem Gang und seiner ganzen Attitüde anmerkte, dass er den größten Teil seines Lebens zur See gefahren war, betrat den Raum und blickte grimmig in die Runde. Die Gespräche an den Tischen verstummten, und alle wussten sofort: Kongo-Fred.
Ich persönlich hatte gehört, er sei vor 2 Jahren am Karisimbi verschollen oder wäre mit seinem U-Boot im Kivu-See havariert. Aber es würde hier den Rahmen sprengen, alle Geschichten aufzuzählen, die zwischen den großen Seen über ihn im Umlauf waren.
Kongo-Fred, von dem niemand genau wusste, woher er den Beinamen hatte, geschweige denn, wie sein bürgerlicher Name war, von dem es nur hieß er käme irgendwo aus dem Norden, und dem man schon an seinem Gang und seiner ganzen Attitüde anmerkte, dass er den größten Teil seines Lebens zur See gefahren war, setzte sich in Bewegung und kam von allen im Lokal anwesenden ausgerechnet auf mich zu.
Das Blut stockte in meinen Adern, und er hub an zu sprechen: „Morgen früh im Morgengrauen in der Bananenplantage an der Fischauktionshalle!“ Wilde Flüche in einem mir unbekannten Pygmäen-Dialekt ausstoßend verließ er die Kneipe.
Viele Freunde hatten mich bereits gewarnt, und eigentlich hätte es auch mir klar sein sollen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis herauskäme, dass ich Kongo-Freds Doktorarbeit über Franz Kafka abgeschrieben und unter meinem Namen herausgegeben hatte. Aber nun war es zu spät. Ich musste mich dem Duell stellen. Ali Reza erklärte sich für einen Sixpack Holsten bereit, mir zu sekundieren, aber trotzdem konnte ich in der Nacht nicht besonders gut schlafen.
Die Stunde der Wahrheit nahte aufs unerbittlichste und nach dem Aufstehen setzte ich noch eine kurze Sparring-Runde mit Günther, meinem sprechenden Ibis an. Ich hatte Glück im Unglück, denn da ich gefordert war, oblag mir die Wahl der Sprache, in der das Duell abgehalten wurde. Ich entschied mich für Latein, denn ich wusste, dass Kongo-Fred dort seine Achilles-Ferse hatte.
Jedem Kontrahenten stand ein Eröffnungs- und ein Abschluss-Plädoyer zu, dazwischen fanden je 5 Diskussionsrunden statt, die von den Punktrichtern, drei sprechenden Ibissen, bewertet wurden. Wurde man der unlogischen Argumentation oder des fehlerhaften Zitierens überführt, so hatte der Gegner das Recht, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Der Verlierer war nach altem Brauch gezwungen, eine vollständige Biographie des Gewinners zu verfassen, bei deren Veröffentlichung jener das Autorenhonorar einstrich.
Mit weichen Knien und einem Gebet auf den Lippen stand ich im Bananenhain und erwartete mein Schicksal.