SNEUARG SED KEHTOILBIB

 

 

"Sagen Sie mal: wo steht hier eigentlich das Necronomicon?" Lubisch sass am Informationsschalter und blickte wissend in die gefragte Richtung: "Links hinten, Rubrik E, Daemonenbeschwoerung, direkt neben den Kochrezepten" "Meine Guete, sind die hier kompetent!" dachte sich der Leser, als er gerade an der Bildergalerie "Ueberfahrene Tiere an niedersaechsischen Landstrassen" vorbeischlenderte. Doch da war es mit der Ruhe im Lesesaal vorerst vorbei. Eine Gruppe Drittklaessler kam groehlend durch die Drehtuer. Erst als Lubisch und Flachmann zwei besonders aufgeregte Schueler mit Nato-Draht an das Death-Metal-Regal gefesselt hatten, wurde es wieder stiller. Biblitheksassistentin Hildegard Flachmann durfte sich jetzt mit den Goeren abgeben. Immer Donnerstags gab es eine Dia-Show fuer die Kleinen. Heute stand die lustige Geschichte "Ein Zombie hing am Glockenseil" auf dem Programm. Die Kinderlein waren wie immer begeistert und fingen auch gleich nach der Vorfuehrung an, mit ihrem Lehrer Szenen aus der Geschichte nachzustellen. Zum Glueck hatte man eine sehr gewissenhafte Putzfrau. Man sah nur noch, wenn man es wusste, dass es erst letzte Woche Freitag in der Esoterik-Ecke zu einer demonstrativen Selbstverbrennung gekommen war.

Lubisch lehnte sich zurueck, biss genussvoll in seine Chili-Katze und blaetterte gedankenverloren im Bildband ueber den Bochumer Satanistenprozess. "Den Kaffee mit oder ohne Galle?" fragte die freundliche Praktikantin. "Mit Galle und Schwefel, wie immer." "Hmmm, lecker! Reichst Du mir noch mal das Verdauungssekret, Ilse?" "Ham wir noch Hostien?" "Danke". Die gemeinsame Fruehstueckspause hatte Tradition.

Woyzeck kam, vom Gewitter ganz durchnaesst und stinkend wie ein nasser Hund, mit einem undefinierbaren Fellknaeuel unter dem Arm an den Tresen. "Wo kann ich diese tote Katze hier hinnageln?" "An die Infowand - Neben dem Pungent-Stench-Plakat muesste noch Platz sein." "Ist die Ratte von vorletzter Woche noch aktuell." "Die koennen Sie ruhig abhaengen. Immer hier in die Kiste, koennen wir in der Spielecke noch gebrauchen." "Sie denken aber auch an alles"

Am Buecherflohmarkt war die Hoelle los. Man war zu einem sehr guenstigen Preis an einen Sonderposten geringfuegig radioaktiv verstrahlter Buecher gekommen, die jetzt zu Schleuderpreisen verkauft wurden. Woyzeck konnte eine Biographie von Jack the Ripper und ein etwas zerfleddertes Exemplar von "Fighting in the Streets" ergattern. Um die Pol-Pot-Gesamtausgabe entbrannte eine wilde Schlaegerei, die schliesslich in einer Messerstecherei gipfelte. Laut Bibliotheksordnung war so etwas bis eine halbe Stunde vor Feierabend erlaubt, sofern sich die Beteiligten anschliessend um die Entsorgung der Toten kuemmerten. Das Verursacherprinzip hatte sich auch hier durchgesetzt.

"Haben Sie das Anarchistische Kochbuch auch auf Plattdeutsch?" - Ludmilla Wuttke-vom Baum war fuer ihre ausgefallenen Wuensche bekannt. "Ist gerade ausgeliehen, aber ich koennts Ihnen aus der Zentralbibliothek bestellen. Samstag vormittag waers dann da" "Denn nehm ich die hochdeutsche Ausgabe - ich brauch das naemlich schon fuer Freitag" "Warten Sie mal - Sie haben den Lovecraft noch nicht zurueckgegeben - das macht dann bis jetzt . warten Sie . acht Tage drueber . Summa Summarum 48 Stockhiebe auf die nackten Fusssohlen. Haben Sie das Buch dabei?" "Warten Sie mal ." Sie kramte in Ihrer Urne "Bittesehr" "Oh - da fehlt ja noch ne Seite - Welchen Zeigefinger sollen wir Ihnen dafuer abhacken?" "den rechten bitte. Ich bin Bassistin" "Holen Sie sich an dem Kassenautomaten einen Gutschein und stellen Sie sich bitte damit an der Schlange an." "Ich bewundere seit jeher Ihren prompten Service" "Nichts zu danken. Wir wissen, was wir der Leserschaft schuldig sind."

Am Abend begab es sich, dass Lubisch noch was vorhatte - im "Cafee Famos " spielte das Konzert der Experimentalfolk-Combo "Prager Fensterkitt". Als Vorgruppe war irgendsoeine amerikanische Gruftinazitechnokapelle aus Corpus Christi (Texas) angekuendigt. Leider war aber jedoch deren Tourbus dummerweise auf der Hinfahrt in einen Vulkankrater gefallen.Die Leute im Saal wurden langsam unruhig, verlangten ihr Geld zurueck und zuendelten am Inventar. Die Health Angels vertrieben sich die Zeit damit, an der Strasse vorbeiflanierende japanische Touristen mit Sehenswuerdigkeiten zu bewerfen. Lubisch sass gelangweilt in einer Ecke, rauchte etwas LSD und las eine Broschuere der Dynamitfischergewerkschaft, die er in der Strassenbahn gefunden hatte. Irgendwann legten Prager Fensterkitt schliesslich mit ihrem Hit "Wehklage eines jungen Maedchens, darueber, dass der Handwerker aus dem Nachbardorf ihren Hund falsch gefuettert hat" los und aller Aerger war vergessen. Lubisch war mit einer Chaosmathematikerin aus Bottrop, die ihm beim Tanzen versehentlich ein Auge ausgestochen hatte, ins Gespraech gekommen. Sie hatte sich auch sofort entschuldigt und ihn von ihrem Stechapfel abbeissen lassen.
© Sebastian Kleist (gronkor@mail.ru)